"Das ist wie 10.000 Meter laufen und dabei Schach spielen."
(Karin Schmalfeld, Silbermedaille World Games 2005)

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Deutsches Sportecho 1978

zurück zur Vereinsgeschichte…

Abenteuer mit Karte und Kompaß
Heidi Fischer (in „Deutsches Sportecho“, 1978)

 

Ein Straßendorf an der F96Ein Straßendorf an der F96 zwischen Bischofswerda und Zittau, 2800 Einwohner, Hochburg im Orientierungslauf. (Foto: Kronfeld)

 

Ein hübscher Gag war es schon, mit dem die Orientierungsläufer in Wehrsdorf ihre Gäste zum Ranglisten-Lauf begrüßten. Sie kramten ihren überdimensionalen Postenschirm, den sie im vorigen Jahr für den Festumzug zur 100-Jahr-Feier ihrer Schule gebastelt hatte, wieder hervor und zogen ihn am Fahnenmast auf ihrem Schulhof  hoch. Schuldirektor Schmidt, ein freundlicher Mann, faßte das nicht als üblen Scherz auf, sondern sah es als Zeichen der Begeisterung seiner Schüler und gab seine Zustimmung zu diesem merkwürdigen Schmuck. Und so pendelte denn also dieses typische Utensil des Orientierungslaufs, sonst klein und unscheinbar im Gesträuch als Postenmarkierung versteckt, zwei Tage lang in leuchtendem Rot und Weiß, in metergroßen Abmessungen, am Fahnenmast im Wind. Als die 460 Wettkämpfer, nie zuvor sind so viele in Wehrsdorf an den Start gegangen, den kleinen Oberlausitzer Ort wieder verließen, wurde auch der Postenschirm wieder eingeholt. Aber nur der Ordnung halber. Denn Orientierungslauf-Zeit ist in Wehrsdorf immer, nicht nur, wenn Gäste zum Wettkampf kommen.

Beim ersten Freilufttraining dieses Jahres: Karte studieren, Richtung bestimmen, loslaufen.

Eigentlich ist es meine Schuld, daß der Orientierunglauf bei uns so stark Fuß gefaßt hat“, meint Klaus Männel, 43 Jahre alt,  Unterstufenlehrer, ein drahtiger Typ, dessen elastischem Schritt und ruhigem Atem auch beim zügigen Berganstieg man den geübten Läufer anmerkt. „Ich war in unserer BSG Sektionsleiter im Skisport und habe etwas gesucht, womit man im Training über die schneelose Zeit kommt. Dabei stieß ich, auch angeregt von meinem Bruder, auf den Orientierungslauf. Und als ich mich nach einiger Zeit mit Karte und Kompaß eingefummelt hatte, nahm ich den Orientierungslauf als Sommertraining für unsere Skisektion auf.“
Seither, seit 1967, haben die Orientierungsläufer die Ski-Sektion glatt überrannt. Die 28 Aktivisten, vorwiegend Kinder und Jugendliche, machten ihr Dorf, das der Uneingeweihte zwischen Bischofswerda und Zittau auf der Landkarte mit der Lupe suchen muß, im Sport weit über die Lausitzer Grenzen hinaus bekannt. Wenn heute irgendwo in Dresden oder selbst in Berlin Orientierungsläufer in die Wälder ausschwärmen und dafür auch Wehrsdorfer gemeldet haben, sieht manch anderer seine Siegeschancen schwinden. Als die Wehrsdorfer im vorigen Jahr den 100. Geburtstag ihrer Schule feierten, sprach ein großes Plakat im Festumzug von 43 Siegertiteln bei DDR-Meisterschaften und Bestenermittlungen. Die jüngsten von ihhen, die aktuellsten, schmücken, dargestellt mit Urkunden, Bestenlisten und Fotos, die Schulwandzeitung. Sie informiert über Roswitha Förster, Ranglisten-Fünfte 1977 bei den 17jährigen jungen Damen, über Mathias Augst, ihr ebenfalls 17jähriges Pendant bei den Jungen, über Margitta Koch, über Harald Männel, den Sohn des „geistigen Vaters“, Übungsleiters, Sektionsleiters Klaus Männel. Harald ist DDR-Meister 1977 im Langstrecken-Orientierungslauf …

Klaus Männel und einer seiner Jüngsten, Jens Reime. Auswertung nach der ersten Trainingsstunde.

Man hat anfangs Mühe, die überdurchschnittlichen Leistungen der BSG-Sportler und die gute Arbeit in der Arbeitsgemeinschaft der Schule, die Informationen aus der Sektion und die von der Schulwandzeitung auseinanderzuhalten. Man läßt das auch nach kurzer Besuchszeit sein. Es ist unnötig, eine Trennung zu versuchen, es ist sogar unmöglich. „Bei uns fließt beides ineinander, Schulsport in der Arbeitsgemeinschaft und BSG-Sport“, meint Klaus Männel. Er verschweigt, daß vorwiegend er es ist, der die Grenzen abgebaut hat und zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit gekommen ist.

Er unterrichtet die Unterstufe, Deutsch und Mathematik. In der dritten Klasse beginnt er, sich seine Schüler auch mit dem Blick des Orientierungsläufers anzusehen: Dieser ist pfiffig, könnte was werden mit Karte und Kompaß, jeder jedoch … „Wenn wir dann im Lehrplan zur Heimatkunde kommen, wenn wir über die Natur und unsere Umgebung sprechen, dann nutze ich das Thema und stupse die Kinder an, versuche, sie mit dem Orientierungslauf bekannt zu machen und zu begeistern.“ Diese Methode verrät pädagogisches Geschick. Sie hat Erfolg. Klaus Männel gelingt es jedes Jahr, ein paar seiner Schüler aus der Dritten zum Laufen in den Wald zu locken. Er hat bemerkt, daß die Kleinen dafür leicht zu haben sind: „Laufen nach Karte und Kompaß im Wald und auch noch um die Wette, so sehen sie es ja, hat für sie etwas Abenteuerliches. Manchmal denke ich, sie sehen den Orientierungslauf wie ein großes Geländespiel. Sie sind ganz begeistert.“
Auch auf dem weiteren Weg zum Sportler führt der Lehrer sie mit pädagogischem Geschick. Er nimmt sie erst in die BSG auf, wenn sie die 4. Klasse erreicht haben. Das Schuljahr davor soll Anlaufzeit sein, auch ein wenig Bewährung. Wer nicht regelmäßig zu den Übungsstunden kommt, darf nicht in die BSG. Und auch wenn man den Eintritt erworben hat, muß man wieder erst Leistung, Bereitschaft zeigen, bevor man das – selbstentwickelte – Stoffabzeichen am Trainingsanzug tragen darf. So schafft der erfahrene Übungsleiter einen kleinen Anreiz für die Kinder, und sie haben in ihrem Eifer immer ein – wenn auch klein erscheinendes – Ziel vor Augen. Für die Erfüllungen ist die Wandzeitung da. Da stauen sich dann die Kinder und sind stolz: Das da, das bin ich!

Etws pfiffig muss man schon sein, um sich auf der Karte und im Gelände zurechtzufinden.

So sind die Kinder, ist der Nachwuchs, die Spezialität der Wehrsdorfer Orientierungsläufer. Schon siebenmal wurde die Sektion als beste Sektion im Kinder-Orientierungslauf ausgezeichnet. Beste unter 32, 34 Bewerbern. In den ersten Jahren war es relativ leicht, den Titel zu gewinnen. Seit einiger Zeit jedoch ist es fast ein Kunststück. „Orientierungslauf ist beliebt geworden“, hat Klaus Männel festgestellt. „Das Niveau ist mit der Popularität gewachsen.“ Dennoch – die Urkunden werden auch unter diesen Bedingungen in Wehrsdorf nicht seltener.
Und es sind auch welche dabei aus der Erwachsenen –Klasse. Als Kinder haben sie bei Klaus Männel begonnen, jetzt sind sie selbst schon über die 20 hinweg. einer von ihnen, Dietmar Fremder, ist inzwischen selbst Übungsleiter geworden. Andere bewähren sich bei der Organisation von Läufen, legen die Bahnen, setzen die Posten, übernehmen auch mal eine Übungsstunde. Klaus Männels Prinzip, seinen Aktivisten auch solche Aufgaben zu übertragen, hat noch niemanden vergrault, eher angespornt. Er selbst ist stolz darauf. Und wenn nach einem besonders gelungenen Wettkampf oder erfolgreich bestandenen Titelkämpfen der Bürgermeister zur Kaffeetafel lädt, dann ist wohl die Anerkennung der ganzen Gemeinde zu spüren.

Als wir kürzlich in Wehrsdorf waren, eröffnete Klaus Männel gerade die Freiluftsaison. Nach langem Üben in der Halle, nach „Trocken-Training“ nun wieder frische Luft um die Nase! Es ging hinauf auf den Hang, der auf beiden Seiten dieses langgestreckten Straßendorfes gleich hinter den Häusern beginnt. Nach einem Kilometer Anstieg über Weiden und Koppeln, durch Hochwald und kleine Schonungen standen wir auf einer Lichtung. 15 Kinder warteten schon.
„Wir machen heute Sternläufe“, verkündete Klaus Männel das Programm. Jeder bekam eine Karte mit unterschiedlichem Kurs, und in Zeitabständen, damit sie nicht gemeinsam die Route suchen, schickte er die Kinder los. Sie waren überhaupt nicht zu bremsen. Jens Reime, noch ein Neuling, holte sich viermal eine Karte, rannte vier Kringel ab. Berit Hähnel, auch erst seit vorigem Jahr dabei, erzählte voller Stolz: „Heute habe ich alle Posten gleich gefunden – manchmal verlaufe ich mich nämlich noch …“
In diesem Jahr wird sie ihre ersten Wettkämpfe bestreiten. Wieder eine mehr.

 

 

 

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